Reime von schlechten Eltern

Alle Kinder von Anke Kuhl & Martin Schmitz-Kuhl zelebriert die Schadenfreude. Ein bös lustiges Kinderbuch.

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Will fasst an den Grill.

 

„Alle Kinder essen Bratwurst. Außer Will – der fasst an den Grill.“ So einfach, derb und direkt kommen die Zweizeiler im Bilderbuch „Alle Kinder“. Keine falsche Rücksichtnahme auf politische Korrektheit und pädagogische Wertigkeiten hemmt den Husarenritt, der auf Kinderbuckel von Annegret über Inge bis zu Zino durchs Alphabet führt.

Nach althergebrachtem Muster leidet in jedem dieser Reime von schlechten Eltern – Martin Schmitz-Kuhl hat sie aufgeschrieben – und in jedem Bild – von Anke Kuhl gezeichnet – ein einzelnes Kind. Alle anderen stehen derweil mit einer Mischung aus Furcht, ungläubigen Stauen und Schadenfreude daneben. Und betrachten, wie Piranhas am Beinchen knabbern (Annegret), Messer am Körperchen kitzeln (Inge), oder ein Dino klein Zinolein am Schlafittchen packt.

Das ist Schadenfreude auf den Punkt gebracht. Auf Schulhofniveau. Wer ob soviel bösem Humor nicht frohlockt, hat natürlich schon verloren. Das weiss neben jedem (bösen) Kind auch die Rezensentin der FAZ, die ein „erfrischend unverkrampftes Buch“ gelesen hat, das dazu einlade, „die gute Erziehung über Bord zu werfen“. Das „ABC der Schadenfreude“, so der Untertitel, liefert tatsächlich zu jedem Buchstaben einen tragikomischen Reim, dessen Witz die vor Kinderkulleraugen strotzenden Illustrationen veranschaulichen und definitorisch ausdeuten (Leseprobe).

Spannung generiert hier also weniger der Text-Bild-Bezug, als das Engführen der Gattung Lese-Lern-Buch mit dem offensiven Verzicht auf jeden didaktischen Anspruch. Als Pointe funktioniert das erstaunlich gut. Allerdings schützt ew offenbar nicht davor, dass Kinder sich aus lauter Schadenfreude das Lesen beibringen. (ha)

 

Anke Kuhl & Martin Schmitz Kuhl, Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude

64 Seiten, gebunden

CHF 18,90 (auch als Mini-Ausgabe erhältlich für 9.90 Sfr.)

ISBN 978-3-95470-082-0

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IKEAesker Höhenflug

Harzig Kipplig Fälltum

 

„Harzig Kipplig Fälltum“ ist ein fröhlich-bunt illustriertes, unprätentiöses Bilderbuch für jede Altersstufe. Es führt eine ironische Beflügelung des prosaisch-dumpf anmutenden Familienalltags vor.

 

„Mama und Papa kommen und schimpfen.“ Mit Leo. Der junge rothaarige Ich-Erzähler unternimmt mit Mama und Papa einen Ausflug in eine bunt gestaltete Möbelkaufhauswelt. Statt in Urlaub wird das diesjährige Budget nämlich in Harzig, Kipplig und Fälltum investiert werden müssen. Während Leos Eltern die entsprechenden Artikel noch gründlich auf Holz und Scharniere prüfen, versucht sich deren Sprössling, in kreativer, lausbübischer Manier, von der Konsumödnis abzulenken, was dann eben wiederholt dazu führt, dass „Mama und Papa kommen und schimpfen“.

Das Schimpfen nimmt auch zu Hause kein Ende, was jeder, der sich schon mal im Nahkampf mit BILLY und EXPEDIT befand, gut nachvollziehen kann. Zu allem Übel lässt Papa noch den Blumenkohl anbrennen, obwohl die Luft doch so schon dick genug ist. Leos Eltern schimpfen weiter – und zwar immer nur über Leo. „Leo denkt: Heute waren sie noch nicht besonders oft zufrieden mit mir“, und überlegt sich für seine Eltern eine versöhnliche Überraschung.

Der mehrfach preisgekrönte Berner Kinderbuchautor Lorenz Pauli beschreibt in Kooperation mit Miriam Zedelius in schlanken, unverhohlenen Sätzen und lebendigen Illustrationen lebensnahe Motive: von Konsumausflügen gelangweilte Kinder, alltägliche angespannte Familienszenarien und fehlbare Menschen. Leos Eltern sind aus der Kinderperspektive zwar völlig wertungsfrei beschrieben, wirken aber auf den Leser furchtbar unfair und darüber hinaus noch erschreckend menschlich und authentisch. Die Erzählperspektive setzt zum moralischen Keulenschlag an, bis dann Leo glücklicherweise doch noch das Lenkrad herumreisst und seine Eltern und uns Leser voller Ironie und Leichtigkeit auf eine Fantasiereise entführt. il

Lorenz Pauli und Miriam Zedelius: Harzig Kipplig Fälltum

Gebunden, 32 Seiten

ISBN: 3-7941-5205-0 

Sauerländer Verlag, ca. 19 Sfr.

 

Platzhirsch/Superelch

Super-Edgar markiert in Magali Le Huches Bilderbüchern gerne den Platzhirsch. Dabei ist er eigentlich ein feinfühliger Elch, wie Super-Edgar trotzt Wind und Wetter zeigt.

Folge der Schnur! © edition acte sud junior

Folge der Schnur, kite mit dem Superhirsch! © edition acte sud junior

Richten wir den Blick für einmal auf den nahen Westen. Kinderbücher aus Frankreich sind, von wirkmächtigen Klassikern wie Babar oder Barbapapa abgesehen, bei uns nicht gerade populär. Dass aktuelle und kreative Arbeiten entstehen, die unter deutlichem Einfluss der dynamischen frankophonen Bande Dessinée-Szene stehen, beweisen die Arbeiten der 1979 geborenen Magali Le Huche. Jean-Michel le caribou respektive Super-Edgar ist ihre vielleicht populärste Figur. Dank schwarzer Maske, rotem Cape, enganliegendem Body und Tennisracketschuhen wird der Elch zum Platzhirsch.

Dieser Superheld muss in Super-Edgar trotz Wind und Wetter so etwas wie einen kleinen Weltuntergang verhindern. Das Wetter ist nämlich richtig mies, seit Albert die Sonne geklaut hat, um sich an ihr ein bisschen zu wärmen. Natürlich setzt Edgar die Sonne am Ende des Buches zurück an ihren Platz. Bis es soweit ist, dürfen ihm die Leserinnen und Leser auf jeder Buchseite den Weg weisen. Dazu müssen einmal Spuren gelesen, ein andermal Fäden entwirrt werden. Gepaart mit den runden Formen und den poppigen Farben entsteht daraus, frei nach Yves Eigenrauch, ein regelrechtes Funnyland.

Weniger funny fährt der grobe Schnitzer der Übersetzerin ein, die den Eis- als „Polarbären“ bezeichnet. Auch irritierend wirkt, dass der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben stark divergiert. Auf enorm einfache folgen zum Teil fast unlösbare Rätsel. Nun ja, daraus lässt sich eigentlich nur eines schliessen: Edgar ist zweifelsfrei super und auch funny, bleibt als Elch aber immer ein bisschen ein Horst. (ha)

Magali Le Huche, Super-Edgar trotzt Wind und Wetter. Eine Verfolgungsjagd

16 Seiten, gebunden

ISBN: 978-3-407-79441-3

ca. 20 Sfr.

Hilfe zur Beihilfe zur Selbsthilfe

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Früher oder später gelangen wohl die meisten Eltern an einen Punkt, wo sie erkennen, dass Erziehung zu einem grossen Teil darin besteht, sich mit stabilem Nervengerüst von Phase zu Phase zu hangeln. Wer diesbezüglich den Vorsatz gefasst hat, damit einhergehende Gefühlsausbrüche seitens des Nachwuchses verständnisvoll und gelassen zu meistern, stets den Fels in der Brandung zu mimen, und stimmlich die Zimmerlautstärke nie zu übertreffen, wird als gefühlvolle Entität daran scheitern, dass Verständnis und Emotionen sich nicht immer die Hand reichen.

Wer sich dem Brüllen auch an diesem Punkt noch verweigert, dürfte mit „Glücklich und traurig – ein Buch von den Gefühlen“ pädagogisch gut bedient sein. Es handelt sich hierbei um ein Kartonbuch von arsEdition; wie von diesem Verlag gewohnt, mit interaktiven Elementen. Auf jeder Doppelseite wird ein bestimmtes Gefühl erklärt und anhand entwaffnend alltagsnaher Situationen eines Geschwisterpaars aufgezeigt. Kinder ab 3 Jahren sollen aktiv in die Thematik eingebunden werden, indem sie die Situationen – und somit die daraus resultierenden Gefühle – mittels Klappen und Schieber variieren können. Auf der ersten Seite wird beispielsweise die Situation veranschaulicht, wo die Geschwister anfangs friedlich nebeneinander für sich spielen, als das Spielauto des kleinen Bruders versehentlich mit der Puppenfamilie kollidiert, endet die Situation für die grosse Schwester tragisch.

Der Text ist so einfach, dass er nicht angepasst werden muss, sondern 1:1 abgelesen werden kann. „Wie ist das, wenn du wütend bist? Was machst du, wenn du schlechte Laune hast?“ Fragen wie diese geben etwas älteren Kindern erste Anstösse zur Selbstreflexion, während sich kleinere Kinder hervorragend in Gefühlsbeschreibungen hineinversetzen können: „Manchmal kribbelt es sogar im Bauch. Vielleicht magst du sogar springen oder tanzen vor Freude.“ Auch die zeichnerische Umsetzung der mimischen Gefühlsäusserungen wird von den jüngeren Zuschauern sofort erkannt.

Obwohl mit diesem Pappbilderbuch eher kleinere Kinder angesprochen werden sollten, eignet es sich auch für Ältere: das Identifikationspotential mit den dargestellten Kindern und Situationen ist sehr gross und kann im entsprechenden Fall von den Eltern thematisiert werden. Bei Trotzanfällen älterer Kinder kann es nämlich hilfreicher sein, das Buch auf der entsprechenden Seite aufzuschlagen und sich kommentarlos zurückzuziehen, als mit erhobenem Zeigefinger auf das Kind einzureden.

Meiner Erfahrung nach vermag es diese Handlung teilweise sogar, dem betroffenen Kind ein verschmitztes – wenn auch etwas gequältes – Grinsen zu entlocken. Ob das Buch auf andere Geschwister- und Geschlechterkonstellationen die gleiche intensive Wirkung entfaltet, ist allerdings nicht ganz sicher. Ein Versuch lohnt sich allemal. (il)

Glücklich und traurig. Mein Buch von den Gefühlen.

Pappbilderbuch, 16 Seiten

ISBN: 978-3760769981

ca. 15 Sfr. 

Reise um die Welt in 27 Reimen

In Hans Traxlers Es war einmal ein Mann rasen wir in knackigen Reimen um die Welt. Ein Klassiker der absurden Literatur.

Ein Mann und ein Schwamm. Ein Anfang inszeniert von Hans Traxler.

„Es war einmal ein Mann“, so fängt die Geschichte an, „der hatte einen Schwamm“, reimt sich sogleich darauf. „Der Schwamm war ihm zu nass“, geht es weiter, „da stieg er in ein Fass“… Und so fort geht es mit dieser Assoziationskette von einfachen Paarreimen. Ruckzuck vom Fass auf ein Boot, ein Bett, ein Haus, einen Vulkan, nach Tirol, Rom, Berlin und darüber hinaus.

Auf jeder Seite kombiniert Hans Traxler einen Vers mit einer Illustration. Das führt zu einer Leseerfahrung der furiosen Schnelligkeit: Die Geschichte besteht zwar nur aus 27 Reimen, um diese zu lesen blättern wir aber 30 mal um. Da geht die Post ab. Das Tempo funktioniert, weil es von den Illustrationen getragen wird. Der „malerischste Satiriker Deutschlands“ (Süddeutsche Zeitung) übersetzt seine Geschichte mit feiner Feder ins Visuelle (Leseprobe). Zentrum und Peripherie korrespondieren dabei auf funktionale und witzige Weise. So dominiert der Mann und der allzu nasse Schwamm, welche die Story ins Rollen bringt, die ersten Bilder. Um sie herum gruppiert Traxler humorvoll Details, wie den durch die Schwamm-Flut untergehenden Kirchturmspitz. Diese Nebensachen fallen erst bei der fünften, sechsten oder xten Lektüre auf. Damit erhält sich das Buch seine Spannung. Und dass es nur einmal zur Hand genommen wird, ist nicht zu befürchten. Dafür geht es schlicht zu schnell.

Als „Knittelvers-Odysseus“ hat die Zeit 1979, bei Erscheinen von „Es war einmal ein Mann“, den Protagonisten umschrieben. Vielleicht überblendet dieser Befund zwei Ebenen. Traxlers „Mann“ wird zwar wie der mythologische Held von höheren Mächten durch die Welt geworfen, listenreich und voller funkensprühender Einfälle ist aber nicht die Figur, sondern der Autor. Davon profitieren wir Lesenden aber nur. (ha)

Hans Traxler, Es war einmal ein Mann

Halbleinen, 70 Seiten

ISBN: 978-3-458-17558-2

24.50 Sfr.

Einfach schön – schön einfach

Wo ist mein Hut ist die Antithese zum Wimmelbuch. Mit seiner simplen Story hat sich Jon Klassen Ruhm und Ehre verdient.

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So sieht Jon Klassen einen Bären mit seinem Hut

Der Bär ist ziemlich gross. Und, wie jedes Kind schon bei der zweiten Lektüre feststellt, ziemlich schwer von Begriff. Als Protagonist sucht er in Jon Klassens Bestseller seine Kopfbedeckung. „Hast du meinen Hut gesehen?“, fragt er Fuchs, Frosch und andere Tiere. Nur helfen kann ihm niemand: weder die Kinder, die ihm die Lösung zu rufen wollen, noch das Kaninchen, das in der Schlusspointe eine zentrale Rolle spielt.

So simpel ist der Plot von Wo ist mein Hut. Der wird mit einer absolut begrenzten Grammatik erzählt. Und auch die Kraft der Illustrationen liegt in der Reduktion. Jon Klassen verzichtet fast völlig auf Hintergründe und inszeniert seine Tiere als abstrahierte Figuren. Das Bilderbuch entfaltet dabei eine Ästhetik der Klarheit, der sich weder Gross noch Klein entziehen können. Dafür wurde das Werk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, von einflussreichen Feuilletons wie der NYT, der FAZ oder dem Schweizer Kulturradio besprochen, und als Vorlage für zahlreiche meme recht eigentlich abgefeiert.

Die Profis auf den Kulturredaktionen fanden das Buch wohl einfach schön. Aber ist es nicht auch ganz schön einfach? Während jüngeren Kindern die geradlinige Geschichte und die klaren Figuren gefallen, weiss Klassen die Skeptischen unter den Erwachsenen mit einer hammerharten Schlusspointe zu gewinnen. Den Hut zaubert er wieder hervor, das Kaninchen lässt er aber verschwinden. Das ist ein postmoderner Zaubertrick: Der Tradition, Kinderbücher moralisierend enden zu lassen, setzt Klassen eine Ironie entgegen, die Schenkelklopfer garantiert. Zumindest bei jenen Lesenden, die sich ein wenig Boshaftigkeit bewahrt haben. (ha)

Jon Klassen, Wo ist mein Hut

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

40 Seiten, gebunden

ISBN: 978-3-314-10117-5

21.90 Sfr.

So macht dem Joggeli den Garaus!

Seit über einem Jahrhundert und 43 Auflagen ist Lisa Wengers „Joggeli söll ga Birli schüttle“ fester Bestandteil eines durchschnittlichen Schweizer Familienbücherregals. Gründe gibt es – nur leider keine guten. 

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„Wer ist dieser Joggeli? Spielt der Fussball?“ fragte neulich eine Freundin, als man sich tantetummetott-intern über selbigen echauffierte. Das klang in meinen Ohren gar nicht mal so lächerlich, sondern viel eher futuristisch, diesen Joggeli nicht kennen zu müssen – denn der Joggeli ist im Grunde schon längst Schnee von gestern!

Und dennoch ist „Joggeli söll ga Birli schüttle“ in fast jedem Schweizer Familienhaushalt vertreten und vergilbt dort unbeachtet zwischen Pitschi und Schellenursli im Regal oder in einer alten Kiste auf dem Dachboden. Von Zeit zu Zeit kramt es ein neugieriges Kind mitsamt den damit verbundenen Kindheitserinnerungen dessen ursprünglichen Besitzers wieder hervor. Kindheitserinnerungen bedeuten den grössten Feind jeglicher objektiver Kritikfähigkeit! Dort liegt der Ursprung dieser Kinderbuchmisere und so beginnt die Geschichte immer wieder von Neuem:

Es schickt der Meister den Joggeli aus, der soll die Birnen vom Baum schütteln. Und wie der die Birnen nicht schütteln, der Hund darauf den Joggeli nicht beissen, der Stock darauf den Hund nicht schlagen, das Feuer darauf den Stock nicht verbrennen, das Wasser darauf das Feuer nicht löschen, das Kalb darauf das Wasser nicht saufen, der Metzger darauf das Kalb nicht stechen will, muss der Meister die Sache selbst in die Hand nehmen und den Metzger erst einmal vermöbeln damit wieder Ruhe und Gehorsam einkehrt.

Inhaltlich war es das auch schon, wobei in den ersten Ausgaben der finale Part noch von einem Henker vollstreckt wurde. Es scheint, als habe sich dann der existentialistische Ansatz von Eigenverantwortlichkeit bis zum Franke Verlag nach Bern durchgesprochen, sodass dem Meister schliesslich zugemutet wurde, seine Suppe selbst auszulöffeln.

Kinder finden in diesem Inhalt anderthalb reizvolle Ansätze: die Kausalverkettung sowie die daraus resultierende sprachliche Verkettung, die die Kinder herausfordert, den Text von den Bildern ausgehend selbst herzuleiten. Rechtfertigt nun das allein eine derartige Langlebigkeit oder liegt das Geheimnis des Erfolgs in der bildnerischen Gestaltung des Buches?

1976 verarbeitete Angelo Branduardi die Geschichte in musikalischer, inhaltlich leicht abgewandelter Form in seinem Stück „Alla fiera dell’est“ weiter und verleihte ihr damit einen künstlerischen Charme, den die Originalillustrationen aus „Joggeli söll ga Birli schüttle“ mitnichten gewährleisten: schon die Farben bewegen sich in dumpfen Primärtönen. Die Figuren wirken trist und abwesend, sind wie Marionetten gestaltet – wie „Hampelmänner eines unbekannten Höheren“. Gottesfurcht hin oder her – ist eine Moral, die besagt, dass das System zugrunde geht, wenn man sich den Autoritäten nicht bedingungslos beugt in Zeiten von Alfie Kohn und Naomi Aldort tatsächlich in irgendeiner Hinsicht aktuell oder gar vermittelbar?

Ich finde: Nein! Die zukünftige Generation braucht argumentationsstarke und kritische Individuen. Und schöne Kinderbücher! Und dazu gehört die Geschichte dieses personifizierten Phlegmas „Joggeli“ und dessen verbitterten, despotischen Meisters keinesfalls. Auch nicht der Tradition zuliebe. Denn Tradition ist keine ethisch verwertbare Grösse, die es rechtfertigt, unseren Kindern ein derart freudloses Buch vorzulesen. (il)

Lisa Wenger: Joggeli söll ga Birli schüttle

Halbleinen-Einband, 32 Seiten

ISBN 978-3-305-00234-4

ca. 19 Sfr.